Samstag, 5. Dezember 2015

Johan Bargum - Septembernovelle


Gelesen habe die Septembernovelle bereits im September (!), meine Rezension erscheint nun im November. Und das liegt ausnahmsweise mal nicht an meinem stressigen Arbeitsalltag. Diese Novelle hat mich ein bisschen überrumpelt, ich gebe es zu. 


Erst nach dem zweiten Lesen wurde mir vieles klarer und ich habe meine Meinung zu diesem Buch noch einmal über den Haufen geworfen. Scheinbar ein nicht unübliches Leseerlebnis:

Manche Bücher sind so gut, dass sie es dem Rezensenten unmöglich machen, darüber zu schreiben. Septembernovelle ist genau so ein Buch; ein seltenes Juwel.                                            -Hufvudstadsbladet 


Wie kann man den Inhalt dieser Geschichte wiedergeben, ohne zu analytisch oder plakativ vorzugehen? Eine Dreiecks-Story, ja schon, aber so subtil und feingeistig, wie Johan Bargum (*1943, Helsinki) diese Geschichte erzählt, wäre es viel zu banal zu sagen: zwei Männer lieb(t)en eine Frau. Und doch ist die Liebe ein großes Thema in dieser Novelle.

Olof und Harald, einst gute Freunde und begeisterte Segler, machen nach zwanzig Jahren des Stillschweigens und Kontaktabbruchs eine gemeinsame Segeltour. Warum? Und welche Rolle spielt Elin, jene Frau, die beide lieb(t)en? Vor dem Leser breitet sich schnell eine Geschichte aus, die jedoch eindeutig mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet.

Bargum folgt hier dem klassischen Novellenschema: in der Rahmenhandlung unternehmen Olof und Harald einen Segeltörn, in der Binnenhandlung blicken beide auf ihr Leben und das Leben mit Elin zurück. Allerdings gibt es hier eine Besonderheit: der erste Teil wird aus Olofs Sicht, der zweite aus Haralds Sicht erzählt. Und schnell wird dem Leser klar, dass nicht alles stimmen kann, was die beiden Herren da berichten...

Die Atmosphäre der Erzählung ist sehr ruhig, fast schon beklemmend. Auf dieser ruhigen See breitet Bargum die großen Themen des Lebens aus: Schicksal, Verrat, Freundschaft, Liebe. Aber trotz dieser großen Themen und der offenen See kommt die Septembernovelle viel eher wie ein melancholisches Kammerstück daher. Mir gefiel diese Atmosphäre und die Stimmung sehr. Auch, wie die Herbststimmung den Seelenzustand der Charaktere spiegelt. 

Dass die Novelle poetisch ist, wie manche Rezensenten behaupten, sehe ich jedoch nicht so. Die Sprache ist vielmehr sehr klar, fast schon rational-nüchtern, was sicher auch an den Fachbegriffen aus dem Seglerjargon liegt. Sehr ungewöhnlich ist auch, dass sich in dieser Novelle keine einzige Zeile direkter Dialog finden lässt. Dies stützt natürlich die unzuverlässige Erzählsituation, könnte aber den ein oder anderen Leser stören.

Ein wichtiges Stilelement ist die Verwirrung des Lesers: zwei unzuverlässige Erzähler (Olof & Harald), die beide behaupten, dass ihre Version der Dinge die richtige ist, sowie ein Kommissar, der sich lange mit Olof unterhält - doch haben wir es hier wirklich mit einem Krimi zu tun? Nicht die leichteste Kost, aber sicherlich eine Lektüre, die beim wiederholten Mal noch genauso interessant ist.


Ich bin beeindruckt, wie Johann Bargum es schafft, auf nur etwa 100 Seiten eine derart komplexe Geschichte abzuliefern. Trotz der Kürze wird der aufmerksame Leser hier überraschend tiefgründig mit den großen Themen des Lebens konfrontiert. Eine Novelle, so vielschichtig wie das Leben selbst, aber definitiv kein Buch für zwischendurch! Nicht jedem Leser wird der lakonische Stil gefallen, aber wer sich darauf einlässt, wird hier auch beim zweiten und dritten Lesen neue Details entdecken können.




Septembernovelle

AUTOR Johan Bargum | GENRE Belletristik / Gegenwartsliteratur
ERSCHEINUNGSJAHR 2014 | Originaltitel: Seglats i september

VERLAG mare Verlag | SEITEN 112 | FORMAT Gebunden mit Schutzumschlag

18,00 € [D]
ISBN:
978-3-86648-193-0


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