Samstag, 16. Januar 2016

Yves Grevet - Nox. Anderswo

NOX. Anderswo ist der zweite und abschließende Band einer außergewöhnlichen Dystopie von Yves Grevet, die sich durch den Fokus auf gesellschaftliche Problematiken und authentisches Worldbuilding wieder mehr auf die Ursprünge des Genres konzentriert und Abstand von den immer gleichen Liebesdreiecks-Geschichten nimmt.



Früher waren Lucen und Gerges die besten Freunde. Gemeinsam haben sie in der Unterstadt gewohnt, in die nie das Sonnenlicht dringt, weil die NOX, eine dichte Wolke aus Abgasen und Schmutz, alles verdunkelt. Doch nun ist Gerges Mutter bei einem Attentat getötet worden und Lucen wird verdächtigt, dahinter zu stecken. Jetzt denkt Gerges nur noch an eines: Rache an seinem ehemals besten Freund. Lucen wird schließlich zu Zwangsarbeit in den verseuchten Wäldern verurteilt wird, doch als ihm die Flucht gelingt, steigert sich Gerges Rachsucht immer weiter. Wird Lucen seine Freundin Firmie wiederfinden, während Gerges und die Miliz hinter ihnen her ist? Und welche Rolle wird Ludmilla, das reiche Mädchen aus der Oberstadt, spielen? Wird sie Lucen erneut helfen, oder werden ihre geheimen Pläne schließlich doch durch ihren mächtigen Vater durchkreuzt?


Inhaltlich setzt die Geschichte direkt da an, wo der erste Band, NOX. Unten endet. Der Wiedereinstieg in die Handlung wurde dem Leser noch dazu dadurch erleichtert, dass sich am Anfang des Buches eine einseitige Zusammenfassung der Ereignisse aus Band 1 befindet - eine tolle Idee des Verlags. Gerade bei Reihenfortsetzungen würde ich mir öfter wünschen, derartige kurze Zusammenfassungen zu finden.

Yves Grevet führt die einzelnen Handlungsstränge aus Band 1 konsequent fort, wobei es sehr interessant zu beobachten ist, wie ganz subtil Veränderungen in der Unter- und Oberstadt eintreten. Grundsätzlich ist die Handlung hier im zweiten Band deutlich komplexer als im ersten, aber Yves Grevet schafft es meisterhaft, den Leser niemals mit zu vielen Informationen zu überhäufen.



Die multiperspektivische Erzählhaltung funktioniert besser als in Band 1, obwohl durch Firmie noch ein weiterer Charakter hinzugekommen ist, der Teile der Geschichte erzählt. Während im ersten Band durch die Erzählweise Wiederholungen auftraten, sind hier die einzelnen Teile klüger ineinander verschachtelt. Dadurch bleibt man als Leser konsequent neugierig, wie es weitergeht. Trotzdem muss man natürlich einräumen, dass aufgrund der verschiedenen Handlungsstränge die Spannung hier nicht auf ein derart hohes Level getrieben werden kann, wie das bei anderen Dystopien  manchmal der Fall ist.

Die NOX-Dilogie besticht dadurch, dass es sich auf Grundelement der Dystopie konzentriert, eine Welt voll Unterdrückung, Lügen und Intrigen zu zeigen und wie daraus dennoch Hoffnung keimt. Ich war froh, dass mal keine (kitschige) Liebesgeschichte im Vordergrund stand. Dennoch werden hier natürlich Schicksale gezeigt, die den Leser bewegen und das ein oder andere Mal ging es ganz schön brutal zu. Im Großen und Ganzen hätte ich mir aber doch etwas mehr 'Gefühl' gewünscht, manchmal bleibt man als Leser zu sehr Beobachter.



Der einzige größere Kritikpunkt betrifft den Gesamtaufbau der Geschichte. Während in den ersten 70% alles sehr ausführlich und detailliert beschrieben wird, so tauchen später doch ein paar Zufälle zu viel auf und das Ende wurde dann sehr gerafft dargestellt (was natürlich beabsichtigt gewesen sein kann, um zu verdeutlichen, dass es keinen weiteren Band geben wird). Ein bisschen wirkte es auf mich aber so, als hätte der Autor am Anfang des zweiten Bandes noch vorgehabt, auch einen dritten Band zu schreiben...

NOX.Unten und Nox. Anderswo bilden zusammen eine herausragende Dystopie im Jugendbuchbereich. Yves Grevet legt Wert auf die klassischen Elemente einer Dystopie: eine detailliert beschriebene zweigeteilte Welt, die Auswirkungen willkürlicher Machtdemonstration, rebellische Tendenzen. Grevets eher nüchterner Stil führt aber dazu, dass der Leser relativ wenig emotional involviert wird, trotz der Schicksalsschläge der Protagonisten. Ich persönlich konnte leicht darüber hinwegsehen, denn ich war froh, endlich mal wieder eine Dystopie zu lesen, in der keine übertriebene Liebesgeschichte im Vordergrund steht. Daher mein Gesamtfazit: Yves Grevet hat eine anspruchsvolle Dystopie für Jugendliche geschrieben, die erfrischend unamerikanisch daherkommt! Sehr lesenswert!


NOX. Anderswo

AUTOR Yves Grevet | GENRE Jugendbuch/Dystopie
ERSCHEINUNGSJAHR 2015 |
EMPFOHLENES ALTER 14 - 17 Jahre

VERLAG dtv Reihe Hanser | SEITEN 332 | FORMAT Broschur

14,95 € [D] | 15,40 € [A]
ISBN: 978-3-423-65017-5 

alle Fotos © The Lines Between

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