Sonntag, 14. Februar 2016

Selja Ahava - Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm


Mit Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm hat Selja Ahava einen bemerkenswerten Debütroman über ein sensibles Thema vorgelegt: Ahavas Protagonisin Anna leidet an Gedächtnisverlust. Was diesen Roman besonders macht ist die ungewöhnliche und sensationell literarische Herangehensweise an diese Thematik.
 



Annas Geschichte beginnt in Finnland; sie ist bereits in höherem Alter und lebt in einem Pflegeheim. Gemeinsam mit dem Leser geht Anna nun auf eine Erinnerungs-Reise in ihre Vergangenheit: zu ihrer Jugend in Finnland, ihrer großen Liebe Antti, ihrem Neuanfang in London und zu jenem Tag, an dem ein Wal durch London schwamm...
Im Laufe ihres Lebens fällt es Anna zunehmends schwer, an ihren Erinnerungen festzuhalten. Der Gedächtnisverlust - bereits in recht jungen Jahren durch ein traumatisches Ereignis ausgelöst - beeinflusst ihren Alltag und ihren Blick auf die Welt. Doch Anna verzweifelt nicht an dieser Situation, sondern begegnet ihr auf ganz eigene Art: mit Fantasie und der Liebe zu geschriebenen Wörtern.



Zugegeben, am Anfang wird man als Leser ins kalte Wasser geworfen. Die einzelnen Szenen kommen sehr fragmentarisch daher und es gibt keinen übergeordneten Erzähler, der den Leser in die Geschichte hineinweisen könnte. Doch gerade diese beiden Aspekte sind wichtige Elemente des Romans. Die kurzen Kapitel, einzelne 'Erinnerungsfetzen' und die grundsätzlich fragmentarische Struktur machen es möglich, sich in Annas Wahrnehmung der Welt hineinversetzen zu können. Auch, dass man als Leser die Geschichte nur aus Annas eigenem Blick erfährt und nichts von einem übergeordneten Erzähler kommentiert wird, verstärkt die Sensibilität für das Thema Gedächtnisverlust. Wobei es wichtig ist zu erwähnen, dass das Wort 'Krankheit' oder 'Demenz' in diesem Roman nicht auftaucht. Die Herangehensweise der Autorin ist eine vollkommen andere.

   
Durch die rückblickende Erzählweise wird dem Leser der Gedächtnisverlust schnell bewusst, doch durch die skizzenhafte Erzählweise - immerhin 45 Kapitel auf 224 Seiten - wird der Leser auch mit vielen Leerstellen konfrontiert und dadurch verunsichert. So habe ich mir häufig die Frage gestellt, welche Szenen nun wirklich passiert sind und welche der Fantasie Annas entsprangen. Dies betrifft natürlich auch die titelgebende Szene mit dem Wal in der Themse. Spannenderweise mag man denken, dass genau dies von Anna erdacht wurde, aber: 2006 hat es dieses Ereignis wirklich gegeben.
So mischen sich mögliche mit unmöglichen Erinnerungen, ganz in der Tradition des magischen Realismus. Dies funktioniert so besonders gut, weil es die Autorin vermag, Momentaufnahmen wunderbar poetisch zu beschreiben.


Trotz der eigentlichen Schwere des Themas schafft es Selja Ahava, eine tröstliche Atmosphäre zu schaffen. An keiner Stelle hat ich als Leser das Gefühl, dass die Stimmung zu sehr ins Melancholische driftete. Die Geschichte kommt ohne Melodramatik und Kitsch aus und schafft es dennoch durch den Blick für Details und die Erzählpderspektive, den Leser emotional mitzunehmen und nachdenklich zu stimmen. Der literarische Stil lässt die Geschichte zu einem Kunstwerk reifen. Mir hat jedoch auch gefallen, dass ich an der ein oder anderen Stelle über Anna schmunzeln konnte.




 Es bleibt viel Platz für die eigenen Gedanken beim Lesen. Und erst im Nachhinein bleibt man erschüttert zurück, wenn man darüber reflektiert, was Anna alles durchgemacht hat und wie der eine tragische Moment in jungen Jahren ihr ganzes Leben prägt. Es ist in jedem Fall nicht die typische Geschichte einer Demenz. Gerade das Fragmentarische, die vielen losen Szenen, die unerklärten Übergänge, die fehlenden Zuammenhänge, das fordert vom Leser einiges. Aber ehrlich gesagt: Kein anderes Buch über diese Thematik hätte mich so mitnehmen können, wie Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm es getan hat.

 
 
Selja Ahava benutzt einen Stil, auf den man sich einlassen muss. Doch wenn man dies tut, so öffnet sich einem eine Geschichte, die ein eigenes kleines Kunstwerk ist. Auf poetische Weise erzählt, und auf einfühlsame Weise thematisiert öffnet sich hier dem Leser ein völlig neuer Blick auf eine bekannte Krankheit. Ein leises Buch, mit vielen Momenten zum Nachdenken und vor allem voller Magie. Eine Autorin, die man sich merken muss.




Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm

AUTOR Selja Ahava |GENRE Gegenwartsliteratur
ORIGINALTITEL Eksyneen muistikirja (Finnland)  
ÜBERSETZUNG Stefan Moster | ERSCHEINUNGSJAHR 2014
VERLAG mare | SEITEN 224 | FORMAT Gebunden mit Schutzumschlag

20,00 € [D] | 28,80 SFR
ISBN: 978-3-86648-182-4

alle Fotos © The Lines Between 

Eine weitere, sprachlich ganz wundervolle Rezension findet ihr übrigens bei Mara von Buzzaldrins Bücher. 

1 Kommentar:

  1. Danke für diese ansprechende Rezension, Cara. Ich habe Gänsehaut und ein weiteres Buch auf dem Wunschzettel.
    Liebe Grüße, Hibi

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